Tagung der landwirtschaftlichen Genossenschaften: „Wer die Digitalisierung nicht nutzt, verliert Kunden“

Die Rolle der landwirtschaftlichen Genossenschaften in Zeiten der Digitalisierung und der steigenden Konzentration auf den Agrarmärkten stand am vergangenen Freitag im Fokus einer Tagung des Raiffeisenverbandes. Zur Tagung unter dem Motto „Markt. Digitalisierung. Veränderung. Vernetztes Wissen und neue Perspektiven“ waren an die  hundert Vertreter der landwirtschaftlichen Mitgliedsgenossenschaften in die Kellerei St. Michael-Eppan gekommen.

 

Marktorientierte Agrarpolitik

EU-Parlamentarier Herbert Dorfmann gab einen Überblick über die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) und die Herausforderungen der Landwirtschaft in Europa. Er hob die wichtige Rolle der Erzeugerorganisationen und der operationellen Programme hervor, die bis 2020 gesichert sind und auch die Diskussion um die Gestaltung der EU-Agrarpolitik von 2020 bis 2026 habe längst begonnen. „Insgesamt müssen wir uns heute aber fragen, ob die 55 Mrd. Euro der europäischen Agrarpolitik wirklich einer offensiven, marktorientierten und zukunftsfähigen Landwirtschaft dienen“, meinte Dorfmann. In Zukunft werde die Agrarpolitik wohl vermehrt so ausgerichtet werden, dass sie die Landwirtschaft insgesamt am Markt stärker positioniert und direkte Unterstützungen weiter zurückfährt. Dorfmann sprach sich gegen jegliche Abschottung der Märkte à la Trump aus, denn dies wäre für die EU als weltweit größter Importeur und Exporteur von Lebensmitteln nur zum Nachteil.

 

Unterschätzte Genossenschaften

Carlo Borzaga, Wirtschaftsprofessor an der Universität Trient und Präsident des Forschungsinstituts Euricse, ging auf die wirtschaftliche Bedeutung der landwirtschaftlichen Genossenschaften in Italien ein. „Leider werden sie weit unterschätzt und als wenig effizient wahrgenommen", sagte Borzaga. Dabei sei ihr Anteil an der Wirtschaftsleistung enorm. So erzeugten die rund 4.700 landwirtschaftlichen Genossenschaften eine direkte und indirekte Wertschöpfung von knapp 30 Mrd. Euro, was in etwa knapp zwei Prozent der Gesamtwertschöpfung Italiens entspreche. Über 80 Prozent würden allein in Südtirol, Trentino, Lombardei, Venezien und Emilia Romagna generiert. Der Umsatz in der italienischen Lebensmittelindustrie stamme zu 25 Prozent von landwirtschaftlichen Genossenschaften. Weit unterschätzt werde die Bedeutung der Landwirtschaft vor allem für vor- und nachgelagerte Wirtschaftssektoren – vom Maschinensektor bis zum Dienstleistungs-, Transport- und Kreditwesen.

 

Unglaubliche Konglomerate

Reinhard Wolf, Generaldirektor der Raiffeisen Ware Austria AG (RWA), beleuchtete die fortschreitende Internationalisierung der Agrarmärkte. „Es entstehen unglaubliche Konglomerate in der Agrochemie, Düngemittelindustrie und in der Saatgutindustrie", sagte Wolf. Die zehn größten Pflanzenschutzunternehmen (wie Syngenta, Bayer, BASF) beherrschten heute 95% der weltweiten Pflanzenschutzindustrie. Gleichzeitig wachsen die großen Agrarhandelsunternehmen zu globalen Kolossen heran. Wolf: „Die Genossenschaften sind die einzigen, die den internationalen Konglomeraten ein Gegengewicht entgegenhalten können“. Als regionaler Partner müssten die Genossenschaften die Wettbewerbsfähigkeit der Mitglieder erhalten. Dazu gehöre es heute auch, den genossenschaftlichen Auftrag zu erweitern und - als ein Beispiel - den Mitgliedern  die technologische und digitale Innovation zugänglich zu machen. „Größter Hemmschuh in der Entwicklung war immer die Angst vor Neuem, die Landwirtschaft und die Genossenschaften müssen mehr Mut zum Neuen wagen“, sagte Wolf.

 

Boomende Digitalisierung

Jörg Migende, Verantwortlicher für Digitalisierung, IT und Smart Farming in der BayWa AG München, verwies im Vortrag „Digitale Landwirtschaft – was ist möglich?“ auf die dramatische Veränderung des Agrarsektors durch die boomende Digitalisierung. Der Effizienzdruck befeuere die Nachfrage nach digitalen Lösungen. „Wer die digitalen Möglichkeiten nicht nutzt, verliert Kunden“, sagte Migende. Die Gefahr bestehe darin, dass gewohnte Geschäftsmodelle schneller als man glaubt überholt und zerstört würden. „Daher hat jeder die Pflicht, sich mit Digitalisierung und Technisierung auseinanderzusetzen.“ Die Digitalisierung müsse genutzt werden, um mit neuen Technologien die Kostenschraube besser in den Griff zu bekommen. Digital bzw. Smart Farming bedeute in der Praxis mehr Präzessionslandwirtschaft  und damit etwa ein besserer Betriebsmitteleinsatz, ein bedarfsgerechteres Düngen und ein zielgerichteter Pflanzenschutz. Somit erhalte Smart Farming auch eine wichtige  gesellschaftspolitische Dimension.

 

Neue Organisationseinheit im Verband

Herbert Von Leon, Obmann des Raiffeisenverbandes Südtirol, erinnerte bei der Tagung an die Bedeutung der  landwirtschaftlichen Genossenschaften für Südtirol und sagte, dass sich der Raiffeisenverband künftig noch stärker als deren Interessensvertreter positionieren werde. Paul Gasser, Generaldirektor des Raiffeisenverbandes, betonte, dass landwirtschaftlichen Themen und der genossenschaftlichen Entwicklung noch mehr Gewicht eingeräumt werde. Als ein konkreter Schritt wurde mit Jahresbeginn die neue Organisationseinheit „Innovation und strategische Projekte“ geschaffen, die vom langjährigen Direktor der Landesabteilung Landwirtschaft Martin Pazeller geleitet wird. 

Veröffentlicht am 21.02.2017
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